Von Werbung zu Design zu Beratung
Der Name Mutabor (Lateinisch tür “ich werde verwandelt werden”) passt ja gut zu unserem Thema…
HEINRICH PARAVINI: Für uns bedeutet Design schon immer ständigen Wandel. Um kreativ und innovativ zu arbeiten,
muss man beweglich sein. Während es allerdings vor zehn Jahren mehr um formale Veränderung ging, ist der Wandel heute vor allem inhaltlichere Art. Vor einigen Jahren gab es noch die strikte Trennung zwischen Sales-getriebener-Werbung und langfristig strategischem Design. Doch diese Parameter ändern und vermischen sich gerade. Design verfolgt nun auch kurzfristigere Ziele und wird dynamischer. Brands werden beispielsweise immer häufiger relauncht. Markenführung steht zunehmend unter dem Druck, ebenfalls Umsatz zu generieren. Werbung wiederum muss sich intensiver mit nachhaltigem Denken auseinandersetzen, da die Konsumenten kritischer geworden sind. Bewegen müssen sich Werbe- und Designagenturen also gleichermaßen, Firmen wie TribaI oder Heimat gehen mit gutem Beispiel voran. Zudem verringern sich die Budgets drastisch. Deshalb wird es für Kunden interessant, wenn eine Agentur alle Kanäle bedienen kann und Crossover-Werbeformen jenseits der Spur beherrscht.
Sie haben einmal gesagt, dass sich Mutabor Design in Pitches mitunter gegen Werbeagenturen durchsetzt. Was macht Gestaltung so geeignet für aktuelle Kommunikation?
HP: Der Point of Sale und die Onlinekommunikation verschmelzen, Interaktivität - das heißt die Kommunikation zwischen Marke und Kunde, bei der das haptische Moment eine große Rolle spielt - gewinnt an Bedeutung. Gerade wenn alle Kanäle und Dimensionen bedient werden müssen, ermöglicht Design eine stringente Markenstrategie mit einer sinnlichen, emotionalen Ansprache. Besonders designgetrieben sind entsprechend Agenturen an der Schnittstelle Mensch/Marke wie Online, Packaging und Raumkommunikation.
Die Strategien hinter dem visuellen und materiellen Markenauftritt wiederum werden eigens von Beratern konzipiert. Was macht dieses Jobprofil so relevant?
HP: Nach wie vor kann ich nur raten, eine Marke langfristig aufzubauen, im besten Falle mit einem modularen Baukastensystem aus fest definierten und flexiblen Elementen, um eine ganzheitliche und glaubhafte Markenidentität zu schaffen. Wir arbeiten darauf hin, dass mindestens ein Viertel unserer Tätigkeit aus kreativer Beratung besteht.
Welche Anforderungen werden an Designberater gestellt?
HP: Was sich in Designagenturen in den letzten Jahren am stärksten verändert hat, ist der Beratungsansatz: Strategie heute funktioniert nur im engen Zusammenspiel mit Kreation. Design ist taktischer geworden, fungiert aber nicht als Erfüllungsgehilfe der Beratung, sondern ist selbst Inhalt. Berater müssen Gestaltung sozusagen als Denkentwurf verstehen. Generell entscheidend für diese neuen Jobprofile ist der bird’s-eye view: Unsere Innenarchitekten, Illustratoren, Industrial, Interface- und Motiondesigner müssen bei der zunehmend interdisziplinären Projektarbeit den Überblick wahren und ihre Arbeit in einen Kontext einordnen.
Aber Hochschulen, die generalistisch von allen Designdisziplinen etwas vermitteln, bilden vielfach Gestalter aus, die vieles ein bisschen, aber nichts richtig beherrschen.
HP: Spezialistentum gewinnt wieder an Bedeutung. Niemand muss alles können, nur sollte man sich heute neben seinem
gestalterischen Schwerpunkt in verschiedenen Bereichen inhaltlich zu Hause fühlen, um dann gemeinsam stringente,
ganzheitliche Designlösungen entwickeln zu können. Für fraglich halte ich allerdings, ob die komprimierten Bachelorstudiengänge das leisten können.
Entspricht Ihre aktuelle gestalterische Arbeit den Vorstellungen von Design, die Sie zu Beginn Ihrer Ausbildung hatten?
HP: Im Grunde schon - wir waren ja bereits im Studium selbstständig und konnten so nach unseren Vorstellungen arbeiten.
Als Designer bin ich stark verzahnt mit meiner Umwelt. Die intensive Kommunikation, dieser Kontext ist genau das,
was ich brauche.
Voraussetzungen, die für Gestalter schon immer relevant waren und wohl auch bleiben werden …
HP: Stimmt. Nicht die Designdisziplin, sondern ihre Wahrnehmung verändert sich.
Das Interview führte Wiebke Lang.



